Systematische Krankenmorde („Gnadentod“)

Im Zusammenhang mit dem Projekttag in Sachsenhausen haben wir uns mit dem systematischen Krankenmord im Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Nach der Auswertung, der von uns zusammengetragenen Informationen, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die Krankenermordung in Sachsenhausen anhand von zwei Aktionen erklärt werden kann. Deswegen wollen wir im Folgenden die Aktionen 14f13 und T4 kurz vorstellen.

Die Aktion 14f13

Die Aktion 14f13 war eine systematische Krankenermordung im KZ Sachsenhausen, wobei die Bezeichnung 14f13 ein Deckname ist, der die Aktenbezeichnung für Gasmord in Oranienburg bezeichnet. Ursprünglich wurde die Krankenermordung nur in Pflegestationen, Heilstationen o.ä. durchgeführt wurde, im April 1941 jedoch auch auf Konzentrationslager ausgeweitet, da dort kranke und schwache Häftlinge als Belastung angesehen wurden. Des Weiteren war das Mittel der Krankenermordung auch eine Möglichkeit, andere Personen loszuwerden.

Der Beginn der Aktion 14f13 wurde durch die Häftlingsuntersuchungen des Psychologen Dr. Friedrich Mennecke (6. Oktober 1904-28. Januar 1947) eingeleitet. So begann Mennecke mit zwei Kollegen vom 4.-8. April 1941 verschiedene Häftlinge zu untersuchen, wobei auffällig ist, dass es sich nicht nur um kranke Personen handelt, sondern auch um Kriegsgefangene oder vollkommen gesunde Personen. Den „Patienten“ wurde versprochen, dass sie als Invaliden eingestuft werden würden und deswegen weniger arbeiten müssten und an andere Arbeitsplätze verlegt werden würden, was so jedoch nie geschah. Stattdessen wurden die 267 Häftlinge mit Transporten am 4. und 7. Juli in die Lager Sonnenstein, das bei Pirna in Sachsen, und Bernburg, welches in Sachsen-Anhalt liegt, gebracht, wo sie dann vergast wurden.
Diese systematische Vergasung wurde später als festes Mittel zur Tötung von Häftlingen unter den Namen 14f13 bzw. T4 weitergeführt. Das heißt, es gab Selektionsverfahren, bei denen die verschiedenen Häftlinge von Lagerärzten oder anderen Medizinern „ausgemustert“ wurden. Nachdem die Selektionen vorüber waren, wurden die „Invaliden“ mit den so genannten Todestransporten in die für die Vernichtung ausgewählten Todeslager, im Falle von 14f13 wie schon erwähnt Sonnenstein und Bernburg, gebracht und dort durch das farb-und geruchlose Gas Kohlenmonoxid umgebracht. Beispiele für diese Transporte sind einmal der Transport S, der in drei Teile aufgeteilt worden ist, sodass die Häftlinge am 3., 4. oder 6. April 1941 per Zug nach Pirna gebracht und dort im Vernichtungslager Sonnenstein durch Gas getötet wurden. Ein weiterer Transport ist der unter dem Namen „Kräutergarten“ laufende Todestransport, der am 5. und am 7. Oktober 1942 durchgeführt wurde. Bei dieser Aktion wurden die 323 Häftlinge, die aus Tuberkulosekranken, Prothesenträgern und auch gesunden Menschen, die die SS loswerden wollte, bestanden, mit Lastwagen nach Bernburg gebracht, nachdem sie bei den vorhergehenden Selektionen ausgemustert worden waren. Hier wurden die „Invaliden“ ebenfalls sofort mit Kohlenmonoxid vergast.

 

Aktion T4

Im Gegensatz zur Aktion 14f13, die nur in Sachsenhausen durchgeführt wurde, gab es die Aktion T4 in allen Konzentrationslagern in gesamt Deutschland. Sie basiert, wie die Zwangssterilisierungen auch, auf dem 1933 verabschiedeten „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und legitimiert den organisierten Massenmord an „behinderten“ und „psychisch kranken“ Menschen in Deutschland ab 1939. In eben jenem Jahr, am 1. September 1939, ermächtigte Adolf Hitler seinen Leibarzt Dr. Karl Brandt und den Reichsleiter Philipp Bouhler in dem so genannten „Euthanasie-Erlass“ zur Durchführung der Aktion „T4“, die auch „Euthanasie“ (übersetzt „Gnadentod“) genannt wird. Bis 1941 fielen dieser Aktion circa 150.000 Menschen zum Opfer. Zu ihnen gehörten Menschen mit „angeborenem Schwachsinn“, Menschen mit „zirkulärem (manisch-depressiven) Irresein“, schizophrene und demenzkranke Menschen, Menschen mit „erblicher Fallsucht“ (Epilepsie), Menschen mit „erblicher Blind- und Taubheit“, „Kranke“, die länger als fünf Jahre in einer „Anstalt“ waren und Menschen mit „schweren körperlichen Missbildungen“.

Die Morde wurden durchgeführt in sechs Vernichtungsanstalten, die eigens für die „Euthanasie“ bestimmt: Grafeneck (in Baden-Württemberg), Sonnenstein (bei Pirna in Sachsen), Bernburg (in Sachsen-Anhalt), Brandenburg/Havel (in Brandenburg), Hadamar (in Hessen) und Hartheim (bei Linz in Oberösterreich). In allen Fällen wurden die Menschen in Gaskammern durch das geruch- und farblose Gas Kohlenstoffmonoxid getötet. Organisiert und koordiniert wurde der Massenmord in dem ehemaligen Gebäude eines Kinderheims in der Berliner Tiergartenstraße 4 (heute vor der Philharmonie), daher auch die Bezeichnung „T4“.
Da sich im Jahr 1941 öffentliche Proteste gegen die „Euthanasie“ unter Federführung des Bischofs und Kardinals Clemens August Graf von Gahlen mehrten, wurde die Aktion offiziell eingestellt. Weitergeführt wurde jedoch eine so genannt „wilde Euthanasie“, die durch gezielte „Therapien“ den Tod der Patienten zur Folge hatte. So verwährte man den Insassen von Heimen zum Beispiel Medizin oder man verabreichte ihnen eine tödliche Überdosis. Die Opfer hatten meist auch keinen Zugang zu regelmäßigen und ausreichenden Mahlzeiten, sodass sie einen qualvollen Hungertod starben.
Insgesamt wird die Zahl der „Euthanasie“-Opfer auf 300.000 (Quelle: Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten) geschätzt. Als Todesursachen von „Euthanasie“-Opfern wurden verschleiernde und erfundene Angaben gemacht, wie zum Beispiel „Tod durch Lungenentzündung“. Meist wurde auch der Todeszeitpunkt um einige Wochen nach hinten geschoben, um den Angehörigen zu suggerieren, man habe sich umgehend um den Tod des „Verstorbenen“ gekümmert.
In der heutigen Zeit wird nur sehr spärlich an die „Euthanasie“ erinnert. Es gibt eine Gedenktafel am Ort der damaligen „Tiergartenstraße 4“. Durch ihre Unauffälligkeit zeigt die Tafel jedoch eher, dass die meisten Menschen das Gedenken dieser Aktion nicht wünschen. Gesellschaftliche Aufarbeitung erfährt das Thema „’Euthanasie’ im Nationalsozialismus“ nicht, vermutlich auch, weil „Behinderte“ und „psychisch Kranke“ in der heutigen Gesellschaft leider immer noch auf Ablehnung stoßen. Für ein würdiges Gedenken ist die gesellschaftliche Aufarbeitung jedoch unumgänglich!

Wer sich für dieses Thema interessiert, kann sich gerne unter www.euthanasie-gedenken-jetzt.de noch umfangreicher informieren.

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