Häftlingsbiographien

Der Alltag im Konzentrationslager Sachsenhausen am Beispiel von Biografien

Wir haben uns in der Gedenkstätte Sachsenhausen mit den Biographien von Häftlingen beschäftigt, um Einblicke in den „Alltag“ im Konzentrationslager zu erhalten. Die Lebensgeschichten haben wir uns durch Informationstafeln erarbeitet und sie dann unseren Mitschülern vor Ort vorgestellt.

Walter Schwarze

Walter Schwarze wurde am 24.12.1914 in Leipzig geboren. Seine Eltern engagierten sich in der SPD. Als er 1940 aus einem Urlaub wiederkehrte, sprach ihn eine fremde Frau in einem Wirtshaus an und er äußerte sich kritisch gegenüber dem Krieg. Sie denunzierte ihn daraufhin und er wurde von der Gestapo festgenommen. Die Gestapo unterbreitete ihm das Angebot, ihn frei zulassen, wenn er für sie als Informant arbeiten würde. Dies lehnte Walter Schwarze aber ab und gab ferner zu, dass er homosexuell sei.

Daraufhin wurde er im November nach Sachsenhausen zur „Umerziehung” geschickt. Nackt und am ganzen Körper rasiert trieb man ihn unter Schlägen auf den Appellplatz und weiter zu einem Raum, in dem er in einer Desinfektionslösung baden musste. Da er homosexuell war, kam er in den Isolationsbereich. Wenn Häftlinge im KZ Sachsenhausen nicht arbeiten mussten, so hatten sie den ganzen Tag zu stehen, ohne sich auch nur an irgendeine Wand zu lehnen.

Im Winter 1940 wurde Walter Schwarze zur Arbeit in der neuen „Schuhprüfstelle“ eingesetzt. Dies war eine schreckliche Arbeit, da die Häftlinge oftmals stundenlang in zu kleinen Schuhen und in eisiger Kälte marschieren mussten, um Wehrmachtsstiefel zu prüfen. Zudem wurde er von den Wärtern drangsaliert. Daher meldete er sich im August 1940 freiwillig für den Aufbau des KZ Groß-Rosen. Hier arbeitete er bis zu seiner Entlassung am 24.4.1944. Danach wurde er zur Wehrmacht geschickt, wo er für fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft geriet.

1949, nach all diesen schrecklichen Jahren voller Qual und Leid, kehrte er zu seinen Eltern nach Leipzig zurück. Zuerst wollte Walter Schwarze sich mit seiner Vergangenheit nicht beschäftigen, schaffte es mittels der Hilfe des Journalisten Maxi Wortersteiner von der Leipziger Zeitung aber 1989. Zusammen brachten sie einen Bericht über Walter Schwarzes Leben heraus.

Per Svor – Norwegischer Widerstandskämpfer

Per Svor wurde am 8.10.1915 in Hornintal/Norwegen geboren. 1940 kämpfte er als Soldat vergeblich gegen die deutsche Invasion in Norwegen. Nachdem Norwegen besetzt worden war, trat er in Oslo in den Polizeidienst ein. 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet, weil er Flugblätter gegen die Besatzer verteilte. Daraufhin wurde er aus dem Polizeidienst entlassen. Nachdem man ihn mehrmals verhört hatte, wurde er in das KZ Grini bei Oslo gebracht. Am 26.6.1942 wurde er als Arbeitskraft nach Deutschland deportiert und traf am 2. Juni 1943 im KZ Sachsenhausen ein.

In Sachsenhausen lebte er mit anderen norwegischen Gefangenen in einer Baracke. Norwegische Häftlinge waren priviligiert, denn sie durften Briefe, Pakete mit Lebensmitteln und anderen lebenwichtigen Gegenständen empfangen. Per Svor arbeitete als Zeichner im „Bauhof“ und führte von Juli bis Oktober 1943 heimlich Tagebuch. In diesem Tagebuch vermerkte er unter anderem den Tod einzelner Häftlinge.

Die Norwegischen Häftlinge versuchten auch in der Haft ein Stück Kultur für sich zu bewahren. In ihrem Block fanden religiöse Andachten, Vorträge und Kabarettvorstellungen statt. Per Svor notierte sich Geburtstage von Angehörigen und nationale Feiertage, um im Geiste mit seiner Familie verbunden zu sein. Nachrichten seiner Verwandten und Pakete von skandinavischen Hilfstruppen trugen dazu bei, dass der den Kontakt zu seiner Familie und der Außenwelt nicht verlor.

Im März 1945 konnte er mithilfe einer schwedisch-dänischen Rettungsaktion des Roten Kreuzes das KZ verlassen. Zuhause nahm er den Polizeiberuf wieder auf, heiratete und gründete eine Familie. Über seine Zeit in der Haft sprach er wenig, weil ihn das immer noch sehr belastete. Er besuchte mit seiner Familie das KZ Bergen-Belsen – der Besuch Sachsenhausens scheiterte daran, dass er kein Visum für die DDR bekam. 1961 schrieb er einen Brief an einen ehemaligen Lagerkameraden, in dem er viel über sein Leben und seine Familie berichtete. Die Antwort kam erst 1995, als Per Svor schon 10 Jahre tot war. Er war 1985 in Oslo gestorben.

Lothar Erdmann

Wir haben uns mit Lothar Erdmann beschäftigt, der am 12. Oktober 1888 in Breslau geboren, allerdings in Bonn in bürgerlichen Verhältnissen aufwuchs. Er studierte Geschichte und wandte sich nach einem Englandaufenthalt dem Sozialismus zu. Im 1. Weltkrieg war er Offizier an der Westfront. Nach dem Krieg heiratete er Elisabeth Macke (Witwe seines gefallenen Freundes und Künstlers August Macke), mit der er später eine Tochter namens Constanze hatte. Als Lothar Erdmann nach einer Verwundung beurlaubt worden war, wurde er 1917 Auslandskorrespondent des “Wolff’schen Telegraphenbüros“ in Amsterdam, bei dem er 1921 die Leitung der Presseabteilung übernahm.

Später lernte er den Vorsitzenden der ADGB ( Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) Theodor Leiphart in Amsterdam kennen, der ihn 1924 nach Berlin holte und zum Chefredakteur der Zeitung “Die Arbeit“ machte. Am 2. Mai 1933 besetzten die Nationalsozialisten die Gewerkschaftshäuser, wodurch er arbeitslos wurde. Mit dem Beginn des 2.Weltkriegs wurden ehemalige Funktionäre von den Nationalsozialisten verhaftet, unter denen auch Lothar Erdmann war.

Am 5. September 1939 wurde er ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, aber weil er für Mitinhaftierte eintrat, nahmen ihn SS- Leute bei der Ankunft aus der Menge. Die SS- Führer Schubert und Sorge nutzten jede Gelegenheit ihn durch Schläge, Tritte, Sportübungen und Bestrafungen zu misshandeln. Am 17. September 1939 nach nur 2 Wochen Inhaftierung verstarb Lothar Erdmann an den Folgen der Misshandlungen.

Lothar Erdmann wurde in der DDR mit einer Briefmarke geehrt.

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